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Éodurys

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1

Freitag, 30. August 2013, 20:18

Tolkien und Architektur - Minas Tirith als "citta del sole"

Ich sitze gerade an einem Vortrag über die Darstellungen Babylons in der Kunstgeschichte und bin, als hätte ich danach gesucht, auf etwas gestoßen, was mir sehr bekannt vorkam: Ich weiß nicht, wem es etwas sagt, aber Anfang des 17. Jahrhunderts publizierte der Dominikaner Tommaso Campanella das Buch "La città del Sole" als Utopie mit starkem Verweischarakter auf das himmlische Jerusalem (ich habe es mir noch nicht angeschaut, ich habe nur Sekundärliteratur vorliegen). Es wird eine Stelle aus diesem Buch zitiert: "In einer weiten ebene erhebt sich ein gewaltiger hügel, über den in der größte Teil der stadt erbaut ist. Ihre vielfachen Ringe aber erstrecken sich bis über eine beträchtliche entfernung vom fuße des Berges.Dessen Ausdehnung ist so groß, dass der Umfang der stadt, während ihr durchmesser etwa zwei meilen beträgt, sieben meilen misst. Denn infolge der Wölbung des Hügels umfasst sie mehr, als wenn sie in der ebene läge. sie ist in sieben riesige kreise oder Ringe eingeteilt [...] auf dem gipfel des Berges ist eine recht geräumige fläche. In ihrer Mitte erhebt sich ein tempel, der mit wunderbarer kunstfertigkeit errichtet ist."
Ich gebe zu, allzu direkt ist es nicht, und sieben Stadtringe sind sicherlich nicht einzigartig in christlicher Symbolik, aber es wäre doch mal ein Anstoß, sich darüber gedanken zu machen. Zumal derartige Utopie-Städte im 19. und frühen 20. Jahrhundert in England aufgrund der industrialisierten Gegenbeispiel äußerst populär waren. Ein anderer Weg dem man folgen könnte, wäre Minas Tirith und der Turm von Babylon, zumindest zwischen peter Jackson verfilmung und breughel kann man denke ich starke übereinstimmungen festmachen (ich denke, gerade wenn es um Kunstgeschichte geht, sollte man die Filme auf keinen fall außer acht lassen).

Ich hoffe, es interessiert jemanden, viel spaß beim Nachforschen oder freut euch einfach über den input :)
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Luke

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2

Samstag, 31. August 2013, 09:01

Ich kann mich an eine Vorlesung letztes Semester in Designgeschichte erinnern, in der es um das Frühe Bauhaus, "Kristall und Technomoderne", ging. Da wurden einige Bilder von Architekten und Künstlern des Expressionismus gezeigt, die sehr sehr starke Ähnlichkeiten mit Tolkiens eigenen Malereien von Tirion (dessen Form ja auch die von Minas Tirith beeinflusste) hatten, bis hin zu den verwendeten Materialien. Alle diese Bilder zeigen sogenannte "Stadtkronen", Elemente der von dir erwähnten Utopie-Städte, die übrigens auch in Deutschland offenbar sehr beliebt waren, v.a. in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als das Leben ja alles andere als utopisch war.
Jedenfalls seien diese "Stadtkronen" laut dem Vorlesungsinhalt typische Merkmale der (theoretischen) Architektur des Expressionismus. Inwieweit vielleicht ein Zusammenhang zu früheren Vorstellungen von "idealen" konzentrischen Städten besteht, weiß ich allerdings nicht.
Ich finde aber diesen Anstoß "Tolkien und Architektur" sehr spannend, zumal dieser Aspekt wohl nicht sehr erforscht ist.
Wenn ich dazu komme, hänge ich hier vielleicht mal die Links zu den Bildern von Tolkien und dem Künstler (dessen Name mir entfallen ist) an.
"Und jetzt schwebe ich auf meinem fliegenden Besen ins Paradies und beobachte das Treiben der Tyrannen auf der Erde, während ich mir den Wanst mit Popcorn voll schlage."
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Luke

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3

Samstag, 31. August 2013, 09:41

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Éodurys

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4

Mittwoch, 4. September 2013, 15:08

wow, die Bilder sind wirklich unglaublich nah an Tolkien, vielen Dank, die kannte ich nicht. Eine Verbindung von expressionistischer Architektur und idealstädten gibt es sicherlich, auch wenn der Ansatz zur Konstruktion vielleicht nicht mehr so religiös fundiert ist wie der Entwurf einer "Christianopolis" als neues Jerusalem. Eher vergleichbar ist es mit Entwürfen wie Victoria von James Silk Buckingham, aber derartiges wurde ja ansich nicht verwirklicht. Ich denke, dass gerade dieser Aspekt von Wirklichkeit essenziell ist für Gedanken über Architektur, eine in einem Kunstwerk realisierte Vision phantastischer Architektur entscheidet ganz gewaltig über "märchenhaftigkeit" der Geschichte und der Welt. Bei Tolkien scheint es Idealstädte zu geben, die zwar wie Osgiliath oder Gondolin zerstört werden, doch als Idealstadt funktionierten. Metropolis beispielsweise stellt sich viel eher der Babylonlastigkeit einer realen Stadt, wodurch die Geschichte eher als mögliche Wahrheit angenommen werden kann. Zudem ist interessant, dass bei Tolkien ein Babylon, eine weltlich verruchte Gegenstadt ansich nicht thematisiert wird, am ehesten würde mir die Stadt der korsaren einfallen, aber diese wird ja auch kaum beschrieben. Stattdessen ist für "das Böse" der Turm (:orth:) viel charakteristischer (egal ob selbst erbaut oder korrumpiert), was im Sinne eines Babelturmes gut zur Idee von Neid und Hybris auf Morgoth/Sauron-Seite passen würde.
Ich werde mich die nächsten Tage auf jeden fall mal weiter umschauen, auf die Gefahr hin, mich total zu verrenen ;), wenn noch jemand andere Ideen hat, fände ich das sehr spannend!
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Luke

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5

Mittwoch, 4. September 2013, 17:32

Apropos Turm: Mir fällt gerade auf, dass es in Tolkiens Werken doch schon irgendwie überdurchschnittlich viele davon gibt, oder?
Und wenn man mal von den zwei, bzw. drei bekanntesten Barad-Dûr, Orthanc und Minas Morgul absieht, sind sie meistens nicht unbedingt mit dem "Bösen" verbunden.
Es fängt ja eigentlich schon ganz am Anfang an, mit den beiden großen Leuchten.
Das war jetzt nur ein Gedanke von mir, der mir grade durch den Kopf geschossen ist ...

Zitat

eine in einem Kunstwerk realisierte Vision phantastischer Architektur entscheidet ganz gewaltig über "märchenhaftigkeit" der Geschichte und der Welt.

Interessant! Wie meinst du das genau? Wie hängen Architektur und "Märchenhaftigkeit" zusammen?
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6

Donnerstag, 5. September 2013, 23:26

Das mit den Türmen stimmt natürlich, außerdem passt das ja sowieso nicht alles so richtig in das Schema, weil die Türme ja alle vollendet sind, da müsste man mal etwas genauer hinschauen. Aber dann stellt sich die andere Frage: Gibt es überhaupt Bauruinen oder Baustellen in Mittelerde? Aber gut, alles nacheinander

Das mit der Märchenhaftigkeit war so ein Gedanke, der mir in der Beschäftigung mit Metropolis jetzt kam. Metropolis akzeptiere ich als Rezipient als fiktive, phantastische, aber mögliche Welt, da beispielsweise die Dynamik von gewaltigem Verkehrschaos oder moralischer Verwerfung in der Großstadt thematisiert werden und in ihrer Formensprache auch wie die potenzierung einer Megacity der 20er Jahre (v.a. New York) umgesetzt wird. Die Darstellung, die Tolkien für seine großen, mythisch angehauchten Städte nutzt, wie Osgiliath und Minas Tirith, oder Gondolin und etlicher anderer Zentren elbischer und (post)numenorischer Macht, nutzt, ist für meine Begriffe stark von der Idee einer umgesetzten Idealstadt beeinflusst, es ist eine glückliche Bevölkerung zu imaginieren, die in einer "durchgestilten" Stadt wohnt, in der Handel und Wissenschaft florieren, ohne dass man verkehrstechnische Probleme oder ethische Diskussionen bedenken müsste. Das Auenland hingegen, einschließlich der Gebiete östlich, vor allem Bree, sind weitaus weltlicher gedacht und daher auch architektonisch weltlicher umgesetzt. Das erzeugt ein "Märchengefälle", das vom Auenland und evtl. Rohan, über Gondor zu Bruchtal und Lothlorien führt. So etwa sehe ich den zusammenhang zwischen Architektur und ihrer Fähigkeit, eine fiktionale Welt aufgrund ihrer Realitätsnähe oder Ferne einzuteilen und zu strukturieren. Das ist jetzt aber nur der Ansatz, der sich mit dem Verhältnis von Idealstadt zu Realstadt beschäftigt, natürlich kann man das ganze noch mit Assoziationen von fiktiven und realen Baustilen verquicken und fiktive Architektur aufgrund der Relationen zwischen ihren Pendants untersuchen, aber darüber muss ich noch ein bisschen nachdenken :)
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Luke

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7

Freitag, 6. September 2013, 09:44

Mir kommt dabei noch der Gedanke an die Valar, die im "Märchengefälle" (ich mag diesen Begriff :smile:) noch weiter oben stehen: Erinnern wir uns, die erste "Architektur" Ardas bestand im Aufwerfen von Gebirgen, sozusagen im "Terraforming", ein Prozess, der nicht genauer beschrieben wird, weil er ohnehin unvorstellbar ist. Und noch weiter oben finden wir die "Räume der Leere", eine transzendente Architektur. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum für viele Architekturen Mittelerdes keine "Baustelle" beschrieben wird: Es würde den "märchenhafteren" unter ihnen einen Hauch von Weltlichkeit verleihen. Sich Hobbits vorzustellen, die einen Hügel aufschütten, runde Türen schreinern, etc. ist sicher leichter als Elben, die Tirion oder Bruchtal erbauen (Hatten sie Steinbrüche?).
Der Unterschied zwischen Tolkiens Großstädten und einer "Idealstadt" im heutigen Sinne besteht aber für mich darin, dass dieses "Ideal" gar nicht weiter thematisiert wird, also ich meine, die Stadt ist nicht dazu da, um zu zeigen, wie man eine ideale Stadt zu bauen hat, anders als z.B. "Utopia".
Zu dem schönen Wort "durchgestylt": Das ist, finde ich, auch ein wichtiger Punkt. Tolkiens Städte folgen einem übergeordneten Plan, sie sind nicht gewachsen, anders könnte ja keine so charakteristische ringförmige Anordnung wie in Minas Tirith entstehen. Allein die wiederkehrende Form des Kreises steht schon für Vollkommenheit und dass alles genau so beabsichtigt war. Metropolis ist eine gewachsene, beinahe wuchernde Stadt, was ihren Realitätsbezug verstärkt.

Zitat

natürlich kann man das ganze noch mit Assoziationen von fiktiven und realen Baustilen verquicken und fiktive Architektur aufgrund der Relationen zwischen ihren Pendants untersuchen

Genau das machen ja auch die Peter-Jackson-Filme! Wobei im Film der Einfluss von Architektur auf das "Märchengefälle" naturgemäß natürlich größer ist als in der Literatur.
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8

Dienstag, 1. Oktober 2013, 22:21

Ich habe nochmal ein bisschen nachgelesen, was das "Terraforming" und die ersten Architekturbefunde betrifft, die es im Silmarillion gibt. Vor allem die kapitel Vom Anbeginn der Tage, Vom Erwachen der Elben und von Melkors Gefangenschaft und Von Eldamar und den Fürsten der Eldalie ließen mich aufmerken. Im ersten dieser Kapitel finden wir die erste Erwähnung mittelirdischer Architektur, und sie Melkors Werk. Utumno ist der erste künstlich umbaute Raum, den es in der Quenta gibt, was hervorragend in Melkors Neidschema passt, wenn man das terraforming der Valar in betracht zieht ("Melkor aber brütete im äußeren (!) Dunkel, und auf immer hernach galt sein Hass Tulkas", Kap. 1) . Dieser Bezug wird meines Erachtens nach auch direkt nahe gelegt, da Melkor in die transzendental/metaphorische Architektur der Erde einbricht und direkt mit "irdischer" Architektur beginnt.

Zitat


Dann schlief Tulkas ein, müd und zufrieden, und Melkor sah seine Stunde gekommen. Also stieg er mit seinem Troß über die Mauern der Nacht [!] und kam weit im Norden nach Mittelerde; und die Valar bemerkten ihn nicht.
Nun begann Melkor eine große Festung zu graben und zu bauen tief unter der Erde, unter den dunklen Gebirgen, wo Illuins Strahlen kalt und blaß waren. Diese Burg wurde Utumno genannt.




Umbauter Wohnraum hingegen ist wieder eine Erfindung der Valar, denn etwas später werden die Paläste der Valar beschrieben, aber hier wieder in einem Atemzug mit dem Land

Zitat

Und als Valinor fertig war und die Paläste der Valar standen, da erbauten sie inmitten der Ebene hinter den Bergen ihre Stadt Valmar, die Glockenreiche.


Dass diese Stadt auch als Wohnraum genutzt wird, auch wenn dieser architektonisch suggeriert wird, ist jedoch nicht erwähnt. Vielmehr findet sich auffälligerweise direkt nach Beschreibung der Stadt (die ja alles andere als detailiert ist), eine Aufzählung der Aktivitäten verschiedene Valar, die sich niemals im inneren des architektonischen Raumes abspielen.

Zitat

Vor dem Westtor lag ein grüner Hügel, Ezellohar, auch Corollaire genannt; und Yavanna weihte ihn und saß dort lange im grünen Gras und sang ein Lied von Macht, in dem all ihre Gedanken über die Dinge, die in der wachsen, ausgesprochen waren. Nienna aber dachte still nach und wässerte den Hügel mitTränen. Zu der Stunde waren die Valar zusammengekommen, um Yavannas Lied anzuhören, und sie saßen schweigend auf ihren Thronen im Màhanaxar, dem Ring des Schicksals, nahe bei den goldenen Toren von Valmar [...]


Interessant für Ausführungen wäre, ob Mahanaxar, so wie ich es verstanden habe, kurz außerhalb oder gerade noch innerhalb der stadt lag.

Die Elben haben dann jedoch bei Cuivinen aufgrund seiner Edenwirkung würde ich sagen, keine Wohnungen, keinen umbauten Nutzraum. Dieser wird ihnen erst in Valinor gegeben "Diesen hatten die Valar Land und Wohnung gegeben".

Es bleiben noch die Hallen von Mandos als umbauter Raum, sowie Menegroth, das mit einer gewissen "Genesishaftigkeit" plötzlich einfach existiert. (So wie Kain Abel erschlägt, sein hübsches Mal auf die Stirn bekommt und plötzlich in ein anderes Land geht und eine Frau heiratet, von der niemand weiß, wie die es geschafft hat, zu existieren.)

Ich war sehr verblüfft, wie sehr Architektur es einem allein in den ersten Kapiteln ermöglicht, über ihre Bedeutung und Konnotation nachzudenken und damit auch essentielle Unterschiede zwischen Melkor, den Valar und den Elben nachzuvollziehen.
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Luke

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9

Mittwoch, 2. Oktober 2013, 09:42

Super interessant, was du da rausgefunden hast!
Vor allem da Melkor selbst die erste "richtige" Architektur schafft. Das würde zur Abneigung Tolkiens gegen die wachsende Industrialisierung und "Verbauung" seiner Zeit passen.
Was mir auch noch nie aufgefallen ist, ist, dass wohl tatsächlich, wie du schreibst alle wichtigen Plätze von Valmar außerhalb zu liegen scheinen, auch wenn es bei Màhanaxar nicht ganz klar ist.
Vielleicht grenzt das Valmar ja auch von Minas Tirith ab, wo der Baum ja in der Stadt aufbewahrt wird. Aber - ah! - nur der vertrocknete Baum steht noch in Minas Tirith! Der neue junge Baum, den
Aragorn findet, steht außerhalb der Stadt!

Zitat

Gandalf aber hatte Aragorn nachts aus der Stadt heraus und zum Südhang des Mindolluin geführt;

und weiter:

Zitat

[Gandalf:] Wer könnte sagen, wie er zur vorbestimmten Stunde hierher kommt? Doch dies ist von alters her eine heilige Stätte, und bevor das Königsgeschlecht erlosch oder der Baum im Hof verdorrt war, muss eine Frucht hier eingepflanzt worden sein. [...] Merk es wohl! Denn wenn je eine Frucht reif wird, lass sie einpflanzen, damit die Linie nicht aus der Welt verschwindet.

Ich glaube, deshalb befinden sich die wichtigen Dinge außerhalb von Valmar: Eine Stadt - zumal eine geplante - bedeutet immer Repräsentation der Macht des Erbauers. Geht die Stadt zugrunde, geht auch die Macht zugrunde, es sei denn, sie ist anderswo verankert. So zumindest erkläre ich mir das.

Naja, es wird ja aber tatsächlich erklärt, wie Menegroth erbaut wurde (nämlich von den Zwergen, usw.), aber stimmt, erst ein paat Kapitel später. Ich glaube, das ist einfach dem Aufbau des Silmarillions geschuldet, dem Tolkien wohl den Anschein einer aus vielen Überlieferungen zusammengestückelten Anthologie geben wollte, wie es sich eben auch mit der Bibel verhält: Da gibt es ja auch zwei Schöpfungsmythen, im ersten heißt es nur "am sechsten Tage schuf er den Menschen", in der zweiten ist dann erst vom Wie die Rede. So ähnlich ist es dann auch bei Menegroth.
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- Anonymus -

10

Mittwoch, 2. Oktober 2013, 16:38

Hättet Ihr nicht Lust, zum Thema Architektur mal einen Artikel für den Flammifer zu schreiben? Vielleicht auch als gemeinsames Projekt. Es könnte auch eine ganze Reihe werden. ;)

Das Thema scheint mir in der Tolkien-Forschung noch stark unterrepräsentiert zu sein. Dabei bietet allein die Forumsdiskussion hier schon eine Menge Stoff! Ein bißchen sortieren – und die Seiten füllen sich wie von selbst.
:senseo:

Das Thema Musik soll ja den nächsten Heften wieder eine größere Rolle spielen. Die Parallelen zwischen Musik und Architektur wiederum sind in der "Realwelt" schon öfter Gegenstand von Betrachtungen gewesen. Und da ergibt sich eine ganz besondere Zuspitzung: Denn wenn es die Große Musik war oder der Große Gesang, durch den die Welt erschaffen wurde, dann ist Arda als Ganzes im Grunde das erste Produkt einer Architektur.

Nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit findet man immer wieder dieselben Strukturen: Ganz oben die Erschaffung der Welt (modern als "Terraforming"), weiter unten die Gestaltung von Landschaften (modern: überregionale Infrastruktur), dann Städtebau, Hausbau und schließlich die Innenarchitektur (Zwischenformen mal außer acht gelassen).

So, wie es Grenzzäune gibt und darin Checkpoints (damit man rein und raus kann), so gibt es Stadtmauern und darin Stadttore (damit man rein und raus kann), Haustüren (damit man rein und raus kann) ... Und natürlich haben die Schränke im Haus auch Türen - manche haben sogar Fenster.;)

Noch mal zum Thema Minas Tirith: Vor ein paar Jahren lief im WDR zur Osterzeit ein dokumentarisches Hörspiel ("Hörbild" genannt) zur Eroberung Jerusalems durch die Römer. Da sind mir sehr viele Parallelen zu Minas Tirith aufgefallen (vielleicht auch durch die Verfilmung inspiriert), von der Staffelung der Verteidigungsringe über die politische Interessenlage (einschließlich Auseinandersetzungen über die richtige Strategie), die natürlich im Realen um einiges komplizierter war, bis hin zu solchen Einzelheiten wie dem Einsatz von Wurfmaschinen.

Inwieweit Tolkien speziell daran gedacht hat, kann man schwer klären, aber das ist vielleicht auch gar nicht so wichtig.

Olwe

Herr der Teleri

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11

Donnerstag, 3. Oktober 2013, 03:12

Tolkien und seine Quellen - das beliebte Ratespiel, seit über 40 Jahren live! :)
Greetz
Marcel aka Olwe

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http://www.macrobee.de http://www.marcel-buelles.de http://www.thetolkienist.com

12

Donnerstag, 3. Oktober 2013, 14:14

Dashalb bin ich froh, daß ich die Quellenforschung den Wissenschaftlern überlassen kann. :lesen:

Luke

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13

Donnerstag, 3. Oktober 2013, 14:33

Ich bin leider auch kein Wissenschaftler, nichtmal angehender ...
Aber kleine Artikel zum Thema "Tolkien und Architektur" zu schreiben, würde mir, denke ich, schon gefallen. Was meinst du, Éodurys?
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Éodurys

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14

Sonntag, 6. Oktober 2013, 17:17

ja, von mir aus gerne, ich bin auf jedenfall dabei.

Ich hab derzeit noch zwei Hausarbeiten fürs studium am hals, aber die eine ist eh über mittelalterliche Musiktheorie, gerade architektur und musik (die ja als sphärenmusik eindeutig pythagoreisch/mittelalterlich angelegt ist) würde ich mir echt gerne mal näher anschauen. Ich habe sogar glaub ich noch irgendeinen vortrag über Musik bei Tolkien hier rumfliegen, den ich in der Uni mal gehalten habe, ich muss mich mal durch meine blätterberge wühlen...
Nen "kleinen" artikel oder zwei müsste man auf jeden fall hinbekommen, da wirds eher schwierig die richtige grenze zu ziehen, wenn du da Interesse dran hast, was mit mir dazu zu erarbeiten, kann man sich gerne mal kurzschließen!
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Luke

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15

Sonntag, 6. Oktober 2013, 18:56

Ich sitz zwar eigentlich an der Quelle (täglicher Zugang zur Bibliothek der Fakultät Architektur, an der mein Studiengang untergebracht ist), allerdings wüsste ich auch im Moment nicht, wo man am besten anfängt. Vielleicht finde ich ja bei Gelegenheit mal was zur Architekturtheorie ...
Meine Mailadresse hast du ja, die steht ja in meinem Profil!
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